Ethereum-Mitgründer Vitalik Buterin hat zusammen mit führenden Entwicklern in Form des „Trustless Manifesto“ eine eindringliche Warnung vor der schleichenden Zentralisierung der Krypto-Industrie veröffentlicht.
Das Dokument fordert eine radikale Rückkehr zu den Grundprinzipien der Blockchain-Technologie und stellt dabei klare Regeln auf, die keine Kompromisse zulassen.
Scharfe Kritik an aktuellen Entwicklungen
Die Veröffentlichung erfolgt zu einem brisanten Zeitpunkt. Erst im vergangenen Monat hatten ehemalige Core-Entwickler enthüllt, dass eine kleine Gruppe von Insidern faktisch die Kontrolle über den Erfolg von Projekten und die Protokollrichtung innehat. Das Manifest von Buterin, Yoav Weiss und Marissa Posner ist eine direkte Antwort auf diese Vorwürfe.
„Ethereum wurde nicht geschaffen, um Finanzen effizienter oder Apps bequemer zu machen“, heißt es unmissverständlich im Manifest. „Es wurde geschaffen, um Menschen zu befreien.“ Die Autoren warnen eindringlich davor, dass jeder scheinbar harmlose Schritt in Richtung Zentralisierung zur Gewohnheit wird und das System Stück für Stück seiner Freiheit beraubt.
Sechs eiserne Regeln für Dezentralisierung
Das Manifest definiert sechs unverzichtbare Anforderungen für vertrauenslose Systeme:
- Selbstsouveränität der Nutzer
- Verifizierbarkeit durch öffentliche Daten
- Zensurresistenz innerhalb angemessener Zeiträume
- Austauschbarkeit der Betreiber ohne Genehmigung
- praktische Zugänglichkeit für normale Nutzer
- transparente Anreizstrukturen
„Vertrauenslosigkeit ist keine Funktion, die nachträglich hinzugefügt werden kann. Sie ist das Wesentliche“, betonen die Autoren. „Ohne sie sind alle anderen Aspekte nur Verzierungen eines fragilen Kerns.“
Besonders scharf formuliert sind die drei „Gesetze“ des Manifests: Keine kritischen Geheimnisse bei einzelnen Akteuren, keine unersetzlichen Vermittler und keine nicht überprüfbaren Ergebnisse. Diese Regeln seien hart und würden einschränken, was einfach gebaut werden könne, aber sie seien die einzige Garantie dafür, dass das Gebaute allen gehöre.
Warnung vor Bequemlichkeit
Die Zentralisierung sei bereits Realität, warnt das Manifest. Gehostete RPCs seien der Standard, die Abhängigkeit von AWS, Google Cloud und Cloudflare schaffe zentrale Schwachstellen, und viele Rollups setzten auf zentralisierte Sequenzierung. „Dezentralisierung erodiert nicht durch Übernahme, sondern durch Bequemlichkeit“, lautet die zentrale These.
Als warnendes Beispiel führen die Autoren die Entwicklung von E-Mail an. Theoretisch könne noch immer jeder seinen eigenen Mailserver betreiben, doch Spam-Filter und Blocklisten hätten dies für normale Nutzer praktisch unmöglich gemacht. „Wir dürfen nicht zulassen, dass Ethereums Zugriffsebene denselben Weg geht.“
Enthüllungen eines Ex-Entwicklers
Die Brisanz des Manifests wird durch die Enthüllungen des ehemaligen Lead-Entwicklers von Geth, Péter Szilágyi, unterstrichen. In einem im Oktober veröffentlichten Brief hatte er offengelegt, dass fünf bis zehn Personen im Umfeld Buterins eine „vollständige indirekte Kontrolle“ über Ethereums Richtung ausübten.
Er beschrieb eine „herrschende Elite“, bei der Erfolg davon abhänge, „die richtigen 5-10 Personen um Vitalik, oder sogar ihn selbst, zu überzeugen“.
Szilágyi enthüllte, dass er in sechs Jahren als Manager von Ethereums primärem Execution-Client lediglich 625.000 Dollar verdient habe. Eine Beschäftigung bei der Ethereum Foundation sei „eine schlechte finanzielle Entscheidung“ gewesen, die „einen perfekten Nährboden für perverse Anreize, Interessenkonflikte und letztlich Protokoll-Übernahme“ geschaffen habe.
Paradigms wachsender Einfluss sorgt für Bedenken
Parallel zu Szilágyis Enthüllungen warnte der Ethereum-Core-Entwickler „Fede’s intern“ vor dem wachsenden Einfluss der Venture-Capital-Firma Paradigm. Mit einem verwalteten Vermögen von 12,7 Milliarden Dollar habe sich Paradigm auf mehreren Ebenen positioniert: durch die Einstellung von Top-Forschern, die Finanzierung kritischer Open-Source-Bibliotheken wie Reth und den Start von Tempo, einer konkurrierenden Layer-1-Blockchain.
Ein Versprechen für die Zukunft
Das Manifest endet mit einem klaren Versprechen: „Wir entscheiden uns dafür, vertrauenslose Systeme zu bauen, selbst wenn es schwieriger ist. Wir zahlen den Preis der Offenheit über die Bequemlichkeit der Kontrolle.“ Die Designs würden sich ändern, die Prinzipien jedoch nicht.
Ob diese deutlichen Worte tatsächlich zu einer Kehrtwende führen, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Klar ist: Der Kampf um die Seele von Ethereum und der gesamten Krypto-Industrie sowie aller vielversprechenden Kryptowährungen hat gerade erst begonnen.




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