
Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt in seinem Bericht Tokenized Finance vor strukturellen Risiken für die globale Finanzstabilität, die mit der wachsenden Tokenisierung realer Vermögenswerte und der Verbreitung von Stablecoins verbunden sein können. Im Mittelpunkt stehen dabei die hohe Geschwindigkeit automatisierter Abwicklungen, Konzentrationsrisiken in gemeinsamen Infrastrukturen und mögliche Belastungen in Stressphasen.
Der Markt für tokenisierte Real-World Assets (RWAs) hat laut Bericht ein Volumen von rund 27,5 Milliarden US-Dollar erreicht. Mehr als 12 Milliarden US-Dollar davon entfallen auf tokenisierte US-Staatsanleihen. Seit Jahresbeginn 2026 wuchs dieses Segment um 66 Prozent. Stablecoins verarbeiten demnach inzwischen rund 1,8 Billionen US-Dollar pro Monat.
Warum der IWF Tokenisierung als Systemrisiko einstuft
IWF-Cheffinanzvolkswirt Tobias Adrian beschreibt die Technologie als eine strukturelle Neuverteilung von Vertrauen im Finanzsystem. Das Kernargument des Berichts betrifft die Geschwindigkeit der Abwicklung. Traditionelle Finanzsysteme arbeiten mit Verzögerungen wie End-of-Day-Settlement, Batch Processing oder mehrtägigen Abwicklungsfenstern. Diese Abläufe können Aufsichtsbehörden Zeit für Eingriffe geben.
Bei tokenisierten Finanzprodukten kann sogenanntes Atomic Settlement Transaktionen sofort finalisieren. Smart Contracts können Margin Calls und Liquidierungen automatisch auslösen. Nach Einschätzung des IWF könnten sich Stressereignisse dadurch schneller entwickeln und weniger Zeit für diskretionäre Eingriffe lassen. In Krisenphasen kann die automatisierte Ausführung einen Ausverkauf damit beschleunigen.
Der Bericht zieht zudem eine Parallele zur Verbriefung der 2000er-Jahre. Damals trugen Intransparenz und Hebelwirkung dazu bei, dass sich Probleme am US-Immobilienmarkt zu einer globalen Systemkrise ausweiteten. Als weiteres Risiko nennt der IWF die Konzentration auf gemeinsame technische Infrastrukturen: Ersetzt ein Ledger zahlreiche bilaterale Verbindungen, könnte es zu einem kritischen Single Point of Failure werden.
Stablecoins und Risiken für Schwellenländer
Rund 97 Prozent aller Stablecoins sind laut IWF auf den US-Dollar denominiert. Der Fonds vergleicht sie strukturell mit Geldmarktfonds: In ruhigen Marktphasen können sie stabil erscheinen, bei einem Vertrauensverlust jedoch anfällig für Runs sein. Stablecoins ohne Zugang zu Zentralbankreserven verfügen im Stressszenario nicht über einen Lender of Last Resort; damit fehlt ein entsprechender Backstop.
Für Schwellenländer sieht Adrian besondere Risiken, wenn dollargebundene Stablecoins in Märkten mit schwächeren lokalen Währungen breite Verbreitung finden. Dies könnte die Nachfrage nach Inlandswährungen untergraben und die monetäre Souveränität schwächen. Da tokenisierte Vermögenswerte unmittelbar über Jurisdiktionsgrenzen hinweg bewegt werden können, könnten nationale Krisenmanagement-Rahmen weniger wirksam greifen.
Der IWF fordert deshalb für Stablecoins ohne Zugang zu Zentralbankreserven höhere Liquiditätspuffer und konservativere Margenvorgaben. Diese Maßnahmen sollen das Abwicklungsrisiko auf Ebene der Infrastruktur begrenzen.
Der Fünf-Säulen-Plan des IWF
Der Bericht skizziert drei mögliche Entwicklungen für tokenisierte Finanzmärkte: ein System, das in Wholesale-CBDCs verankert ist, ein Szenario mit dominierenden privaten Stablecoins und geschwächten öffentlichen Backstops sowie eine fragmentierte Landschaft inkompatibler nationaler Plattformen.
Um das aus Sicht des IWF stabilere Szenario zu erreichen, formuliert der Fonds fünf politische Säulen. Tokenisierte Abwicklungen sollen in Wholesale-CBDCs verankert, eine konsistente Regulierung für vergleichbare Aktivitäten und Risiken durchgesetzt und rechtliche Klarheit für tokenisierte Vermögenswerte geschaffen werden. Hinzu kommen Interoperabilitätsstandards zwischen Plattformen sowie die Anpassung von Liquiditätsinstrumenten der Zentralbanken an automatisierte Umgebungen.
Darüber hinaus fordert der IWF Pflicht-Audits und Override-Mechanismen für systemisch wichtige Smart Contracts. Notfall-Pausenfunktionen sollen gewährleisten, dass rechtliche Mandate zur Sicherung der Finanzstabilität Vorrang vor einer automatisierten Ausführung haben.
Industrie treibt Tokenisierungsinfrastruktur voran
Der Bericht erscheint in einer Phase, in der institutionelle Akteure die Tokenisierung vorantreiben. Die NYSE arbeitet mit Securitize an einer Plattform für den durchgehenden Handel tokenisierter Wertpapiere. Im März 2026 genehmigte die US-Börsenaufsicht SEC einen Nasdaq-Antrag für den Handel tokenisierter Aktien auf demselben Orderbuch wie traditionelle Wertpapiere. Bereits im Dezember 2025 erhielt die DTCC einen No-Action Letter für die Tokenisierung bestimmter verwahrter Vermögenswerte.
Auch BlackRock und JPMorgan Chase führen Pilotprojekte im Bereich tokenisierter Finanzprodukte durch. Der IWF-Bericht stellt diese Entwicklungen in den Kontext einer grundsätzlichen Frage: Wie lassen sich die Effizienzgewinne schneller, programmierbarer Abwicklung mit ausreichenden Sicherungsmechanismen für Liquidität, Aufsicht und Krisenintervention verbinden?
Zuletzt aktualisiert am 8. August 2026





Fragen und Antworten
Sie haben eine Frage? Unser Experten-Panel beantwortet gerne Ihre Fragen.