Gemini zieht vorbei: Warum die USA plötzlich Platz für Prognosemärkte machen

Gemini hat von der US-Derivateaufsicht die volle Marktbetreiber-Lizenz bekommen, ein Schritt, der nicht nur die Prognosemärkte in den USA nachhaltig verändern dürfte. Die Entscheidung der CFTC dürfte auch Kreise bis in die Kryptomärkte und in die „alte Finanzwelt“ ziehen.

Prediction Markets haben, übrigens nicht nur in den USA, seit Jahren einen heiklen Ruf, da sie sich irgendwo zwischen Finanzprodukt, Wetten und Glücksspiel bewegen. Die Entscheidung der Aufsicht verleiht einem bislang nur so halb geduldeten Markt also einen ganz neuen Status: als reguliertes Finanzprodukt.

Prediction Plattformen: Ein Markt, der jahrelang in der Grauzone festhing

Es war lange, vorsichtig ausgedrückt, ein schwieriges Unterfangen, eine vollständig regulierte Plattform für Prognosemärkte in den USA zu betreiben. Die Aufsichtsbehörden ließen zwar einzelne Anbieter in engen Grenzen gewähren, allerdings immer am „am kurzen Zügel“ – mit vorläufigen Sondergenehmigungen, die den Unternehmen wenig Planungssicherheit boten.

Akademische Projekte konnten unter Ausnahmeregelungen arbeiten, kommerzielle Plattformen hingegen nicht. Ihnen drohten jederzeit regulatorische Eingriffe.

Zu den wenigen Ausnahmen zählten kleine Forschungsprojekte wie jene an der University of Iowa, deren Märkte ausdrücklich zu Lehrzwecken betrieben wurden und deshalb nicht den gleichen regulatorischen Druck erfuhren wie kommerzielle Plattformen. Die jetzige Zulassung von Gemini ist also ein klarer Bruch mit der bisherigen Vorgehensweise.

Der Antrag selbst soll über einen Zeitraum von fünf Jahren geprüft worden sein, was zeigt, wie sensibel die Behörden diesen Markt einschätzen. Durch den politischen Richtungswechsel in den USA hat sich auch die Haltung der CFTC verändert und öffnet sich, nach der SEC, nun auch immer mehr dem Kryptomarkt.

Prognosemärkte in den USA: Ja? Nein? Vielleicht?

Prognosemärkten spiegeln in Echtzeit wider, wie Marktteilnehmer Chancen und Risiken politischer, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Entwicklungen bewerten.

Genau das macht sie aber rechtlich heikel. Auf Bundesebene in den USA werden solche Märkte meist als Finanzinstrumente gesehen, während viele Bundesstaaten sie eher in die Glücksspielschublade stecken.

Diese doppelte Lesart führte in der Vergangenheit zu Stop-Orders, Klagen und politischen Auseinandersetzungen, selbst dann, wenn eine Plattform eine bundesweite Genehmigung vorweisen konnte.

In den vergangenen Jahren haben mehrere US-Bundesstaaten versucht, eigene Regeln gegen bereits auf Bundesebene genehmigte Prognosemärkte durchzusetzen. Connecticut und Massachusetts gingen besonders offensiv vor, indem sie regulierte Anbieter als unlizenzierte Glücksspielplattformen einstuften und entsprechende Stop-Orders verhängten.

Auch Staaten wie Arizona, Illinois oder Ohio haben ähnliche Maßnahmen ergriffen und damit deutlich gemacht, dass sie diese Märkte nicht als Finanzinstrumente, sondern als eine Form des Wettgeschäfts betrachten. So entstand besagter Flickenteppich.

Vor diesem Hintergrund haben sich mehrere Börsen und Fintech-Unternehmen zu einer politischen Allianz zusammengeschlossen, die eine einheitlichere Linie zwischen Bundes- und Landesrecht anstrebt.

Das tun sie allerdings nicht ohne Eigennutz, denn eine solche Front verfolgt naturgemäß auch Ziele, die nicht immer deckungsgleich mit den Bedürfnissen der Nutzer oder den Schutzinteressen der Staaten sind.

Geminis Genehmigung: Die natürlich Evolution?

Der US-Derivatemarkt verändert sich schon seit einiger Zeit: Klassische Börsen testen digitale Abwicklungsformen, während Krypto-Plattformen Strukturen übernehmen, die bislang vor allem institutionelle Händler nutzten. Die Grenze zwischen beiden Welten wird durchlässiger – oft schneller, als es die Regulierung abbilden kann.

Die Genehmigung beschränkt sich nicht auf Prognosemärkte. Sie verschafft Gemini die Möglichkeit, nach und nach auch klassische Derivate anzubieten – Produkte, die bislang vor allem an etablierten Terminbörsen gehandelt werden.

Dazu zählen etwa Futures, Optionen oder unbefristete Kontrakte. Sollte Gemini das Angebot tatsächlich ausbauen, entstünde eine regulierte Plattform, auf der sich traditionelle Marktteilnehmer und Krypto-Händler erstmals im selben Umfeld bewegen (und wahrscheinlich auch misstrauisch beäugen.

Für institutionelle Anleger ist das ein entscheidender Punkt. Sie weichen unregulierten Offshore-Börsen inzwischen bewusst aus und verlangen Plattformen, die ihren internen Vorgaben entsprechen – und durch die Genehmigung kann Gemini genau hier ansetzen.

Während Kleinanleger darüber nachdenken, ob sie im richtigen Moment Bitcoin kaufen sollen, arbeiten die Börsen inzwischen an einem ganz anderen Thema: Wie man komplexe, regulierte Produkte in eine Infrastruktur integriert, die ursprünglich für den Handel mit digitalen Token entwickelt wurde. Innovation und Compliance prallen dabei ständig aufeinander – und doch kommen beide Seiten nicht mehr ohne einander aus.

Wettbewerb: Ein Markt im Umbruch

Mit Gemini betritt ein weiterer großer Player die Bühne – und das dürfte deutlich Bewegung in den Markt bringen. Bisher prägten vor allem zwei Namen das Feld: Kalshi, das seit einigen Jahren als voll regulierte Börse operiert undPolymarket, das nach einem Eingreifen der CFTC sein Angebot für US-Nutzer umbauen musste und inzwischen wieder unter klaren Auflagen aktiv ist.

Daneben existieren kleinere, thematisch fokussierte Plattformen wie PredictIt, das sich vor allem auf politische Vorhersagen stützt, sowie internationale Dienste, die in den USA nur eingeschränkt nutzbar sind.

In dieser überschaubaren Landschaft fällt ein zusätzlicher großer Player natürlich sofort ins Gewicht – zumal Gemini über die Infrastruktur und die Markenbekanntheit verfügt, die nötig ist, um das Segment auf eine neue Größenordnung zu heben.

Dabei geht es längst nicht nur um Marktanteile. Die eigentliche Frage lautet: Wer schafft es, diese Prognosemärkte so aufzubauen, dass sie auch außerhalb einer kleinen Insider-Community funktionieren? Das Prinzip ist eigentlich simpel: Auf der Plattform wird lediglich entschieden, ob ein Ereignis eintritt oder nicht – ein reines Ja-oder-Nein-Modell, das am Ende vollständig auszahlt oder gar nicht.

Doch wirklich interessant werden solche Märkte erst, wenn genügend Liquidität vorhanden ist und eine breite Auswahl an Themen handelbar wird. Genau hier könnte ein Anbieter wie Gemini an Gewicht gewinnen.

Dank der vollwertigen Börsenlizenz kann das Unternehmen nun auch bisher zurückhaltende Marktteilnehmer ansprechen, die einen klar regulierten Rahmen vermissten.

Die politische Dimension: Zukunft als Wirtschaftsindikator

Kommen wir an dieser Stelle zu dem „rosa Plüschelefanten“ im Raum, denn die politische Dimension lässt sich nun mal nicht komplett weg ignorieren. Hinter Gemini stehen die Brüder Tyler und Cameron Winklevoss, die sich in den vergangenen Jahren mit beträchtlichen Spenden an republikanische Kampagnen, darunter auch Donald Trump, sichtbar positioniert haben.

Das verleiht der aktuellen Entwicklung einen Beigeschmack, der weniger mit der Lizenz selbst zu tun hat als mit der Wahrnehmung ihrer Akteure.

Die regulatorische Entscheidung der CFTC basiert auf einem mehrjährigen Prüfprozess. Doch die deutliche politische Nähe der Gründer lädt zu Interpretationen ein – insbesondere in einem Markt, der ohnehin im Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen und politischer Regulierung steht.

Zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2025

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