
Bitcoin befindet sich aktuell in der längsten Phase negativer Funding-Rates dieses Jahrzehnts – ein Zustand, der in der Geschichte der Kryptomärkte stets als markantes Warnsignal galt, diesmal jedoch in eine ungewöhnliche Richtung zeigt. Laut einer Analyse von K33 Research dauert die Negativphase bei den Perpetual-Futures bereits 46 aufeinanderfolgende Tage an, ausgehend von Preisniveaus um 74.287 US-Dollar. Das ist die längste derartige Strähne seit dem Zusammenbruch der Kryptobörse FTX im November 2022.
Was das Bild besonders auffällig macht: Bitcoin hat sich in diesem Zeitraum nicht abwärts bewegt, sondern von den mittleren 60.000er-Marken auf über 78.300 US-Dollar erholt. Negative Funding-Rates trotz steigender Kurse – das ist eine Divergenz, die Trader aufhorchen lassen sollte.
Negative Funding-Rates: Was der Indikator zeigt und was er bedeutet
Die sogenannte Funding Rate ist ein Gebührenmechanismus bei Perpetual Futures, also unbefristeten Krypto-Derivaten ohne Ablaufdatum. Sie reguliert das Gleichgewicht zwischen Long- und Short-Positionen: Überwiegen die Longs, zahlen diese eine Gebühr an die Shorts – und umgekehrt. Negative Funding-Rates signalisieren daher, dass Short-Positionen dominieren und Longs sogar dafür vergütet werden, ihre Positionen zu halten.
Aktuell liegt der 7-Tage-Durchschnitt der Funding Rate für Bitcoin-Perpetuals laut Glassnode-Daten bei rund -0,13 Prozent – der negativste Wert seit 2023. Historisch betrachtet markieren solche Phasen extremer Bearish-Positionierung oft Marktböden: Im November und Dezember 2022 durchlief Bitcoin eine ähnlich ausgeprägte Negativphase, bevor er von rund 15.500 US-Dollar auf 23.000 US-Dollar im Januar 2023 anzog – ein Plus von knapp 48 Prozent. Auch während der Bankenkrise im März 2023 und dem Yen-Carry-Trade-Unwind im August 2024 zeigten negative Funding-Rates jeweils lokale Tiefpunkte an, gefolgt von deutlichen Erholungen.
Die aktuelle Konstellation zeigt damit ein Marktumfeld, in dem der Derivatemarkt strukturell bearish positioniert ist, während der Spotmarkt eine andere Sprache spricht.
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Short-Squeeze-Mechanismus: Wie aus Bärenpositionierung Kaufdruck entsteht
Genau hier liegt das eigentliche Risiko für jene, die auf fallende Kurse setzen. Ein Short Squeeze entsteht, wenn der Preis eines Assets trotz überwiegend short positionierter Marktteilnehmer ansteigt – und diese Marktteilnehmer gezwungen sind, ihre Positionen mit Verlust zu schließen. Das Schließen von Shorts entspricht technisch dem Kauf von Bitcoin, was den Preisanstieg weiter beschleunigt und eine Kettenreaktion auslöst.
Sollte Bitcoin über zentrale Widerstandsniveaus ausbrechen, könnten gehäufte Liquidierungen von Short-Positionen diesen Anstieg exponentiell verstärken. Erschwerend hinzu kommt für die Short-Seite: Die aggregierten Börsenreserven haben ein Sieben-Jahres-Tief von 2,21 Millionen BTC erreicht – Coins wandern in Self-Custody und institutionelle Verwahrung, das verfügbare Spotangebot schrumpft. Gleichzeitig verzeichneten US-amerikanische Spot-Bitcoin-ETFs vom 14. bis 24. April 2026 neun aufeinanderfolgende Tage mit Nettomittelzuflüssen von insgesamt 2,12 Milliarden US-Dollar, was rund 19.000 BTC absorbierte – dem Neunfachen der Miner-Produktion in diesem Zeitraum.
Die Bedingungen für einen klassischen Short Squeeze – hohe Short-Last, sinkende Angebotsseite, steigende institutionelle Nachfrage – sind damit vollständig erfüllt. Wie Bitcoin-Trendwenden in ähnlichen Konstellationen verlaufen sind, zeigt ein Blick auf vergangene Marktphasen.

K33 Research: „Konsequent starke Folgerenditen“ in negativen Funding-Phasen
Vetle Lunde, Head of Research bei K33 Research, bringt die historische Bedeutung der aktuellen Situation auf den Punkt:

„Buying bitcoin during such negative funding regimes has consistently led to strong forward returns.“
Lunde verweist damit auf ein wiederkehrendes Muster: Negative Funding-Phasen, in denen der Markt „eine Mauer der Sorge erklimmt“, enden historisch mit überproportionalen Aufholbewegungen. Die aktuelle Divergenz – Short-Dominanz im Derivatemarkt bei gleichzeitig stabiler bis steigender Spotpreisbildung durch institutionelle Käufer – ist laut K33 ein klassisches Setup für diese Dynamik.
On-Chain-Analysten ergänzen dieses Bild: Whale-Long-Positionen haben zuletzt Rekordniveaus erreicht, während kleine und mittlere Trader auf der Short-Seite verharren. Das ist eine für Squeeze-Szenarien typische Positionierungsspreizung – erfahrene Kapitalpools auf der einen, reaktive Retail-Shorts auf der anderen Seite. Die Einordnung bleibt damit klar bullisch auf mittlere Sicht, solange die Spotpreisstruktur intakt bleibt. Weitere aktuelle Marktdaten und deren Einordnung finden sich in der aktuellen Bitcoin-Prognose.

Risiken bleiben: Was gegen einen Short Squeeze spricht
Trotz der konstruktiven Ausgangslage gibt es Faktoren, die das bullische Szenario verzögern oder entkräften könnten. Ein jüngster Rückgang am US-Aktienmarkt löste Long-Liquidierungen im Umfang von 120 Millionen US-Dollar aus – ein Hinweis darauf, dass Bitcoins Preisentwicklung weiterhin stark mit dem makroökonomischen Risikoumfeld korreliert. Sollte die Risikoaversion an den traditionellen Märkten erneut zunehmen, dürften auch Bitcoin-Positionen unter Druck geraten.
Zudem ist negative Funding allein kein Timing-Signal. Die Phase könnte sich weiter ausdehnen, wenn der Preis in der Seitwärtsrange verbleibt und Short-Positionen profitabel bleiben. Ein Short Squeeze setzt zwingend einen initialen Preisimpuls voraus – bleibt dieser aus, verpufft das Potenzial. Der Derivatemarkt ist ein Verstärker, kein Auslöser.
Fazit: Strukturell bullisches Setup, aber Auslöser fehlt noch
Die Kombination aus rekordlangen negativen Funding-Rates, schwindenden Börsenreserven und anhaltenden ETF-Zuflüssen ergibt ein strukturell bullisches Bild für Bitcoin – eines, das in der Geschichte des Marktes konsistent auf starke Folgerenditen hingedeutet hat. K33 Research und on-chain Daten sprechen dieselbe Sprache: Der Markt ist auf der Short-Seite überdehnt.
Was noch fehlt, ist der konkrete Preiskatalysator. Sollte Bitcoin über aktuelle Widerstandszonen ausbrechen, könnte der Rückkoppelungseffekt aus Liquidierungen und Angebotsknappheit eine Bewegung auslösen, die historische Parallelen – 40 bis 50 Prozent Anstieg post-Negativphase – als Orientierungsrahmen rechtfertigt. Wer die Derivatemärkte weiter beobachten möchte, findet mit der wachsenden Rolle regulierter Plattformen zusätzlichen Kontext zur Entwicklung des US-Derivatemarkts.
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